Rede von
Ministerpräsident Erwin Teufel
bei der Trauerfeier für die Opfer der
Flugzeugkatastrophe vom 1. Juli 2002
am 12. Juli 2002
in Überlingen
Es
gilt das gesprochene Wort!
Quelle: www.Baden-Wuerttemberg.de
Einundsiebzig Menschen
sind mit einem Schlag hinweggerafft worden. Sie haben einen entsetzlichen, technischen Tod erlitten. Nicht nur ihr Leben wurde
vernichtet, auch ihr Gesicht, ihr Körper, ihr Name, ihre Identität.
In unserer Ohnmacht
tragen wir unsere Klagen und unsere Hoffnung vor Gott. Wo denn sonst sollen wir sie anbringen?
Mit den Eltern der
verstorbenen Kinder und mit allen Angehörigen der Opfer sagen wir in den Worten des Schriftstellers Franz Kafka:
„Klage ich? Ich klage
nicht, mein Anblick klagt.“
Sie kamen alle, um nach
ihren Kindern zu sehen. Sie konnten sie nicht einmal als Tote sehen.
Der Anblick war ihnen
verwehrt. Was sie sahen, war ein Stück toter Technik, der aufgerissene Rumpf eines Flugzeugs, der noch Stunden vorher bergende
Haut gewesen und im Bruchteil einer Sekunde zum Grab wurde.
Der Anblick klagt.
Der Anblick der
traurigen Überreste einer Maschine.
Der Anblick des
zerborstenen Flugzeugs.
Die Erfahrung der
Vernichtung täglicher Gemeinschaft mit einem geliebten Menschen.
Sie klagten nicht, weil
ihnen das Wort erstorben war.
Ihr Anblick klagt.
Das Innerste der
betroffenen Menschen ist aufgewühlt. Der Anblick der Trauernden, der Fassungslosen, der gebrochenen Herzen, er klagt.
Was sie mitnahmen
war ein Stück Erde vom
Acker des Unglücks
und ein Bündel Gerste
als Zeichen des Lebens.
Schweigend, wie sie
gekommen waren,
gingen sie am Abend zurück,
zurück in die
Einsamkeit der Trauer,
aus der sie kein
Kinderlachen mehr herausholt.
In unserer Ohnmacht
richten wir unsere Klagen zu Gott und unsere einzige Hoffnung.
Er möge die Toten bei
ihren Namen rufen und die Trauernden trösten mit der Gewissheit, dass jeder Mensch in seine Hand geschrieben ist.
II.
Die Menschen in unserem
Lande empfinden Mit-leid mit den Trauernden. Wir leiden mit und teilen ihr großes Leid. Menschen, die sich nicht kennen, kommen
einander näher durch dieses Leid.
Die Landesregierung von
Baden-Württemberg ist den Angehörigen der Opfer verbunden und dem Volk und der Regierung von Baschkirien und von Rußland.
Wir konnten keine
Menschen mehr retten.
Aber wir konnten die
Opfer bergen und ihnen ihre Identität, ihren Namen und ihre Menschenwürde zurückgeben. Das ist wenig und viel zugleich. Es ist
Humanität und Mitmenschlichkeit.
800 Polizeibeamte
unseres Landes und 1000 freiwillige Helfer der Feuerwehr, des Roten Kreuzes, des Technischen Hilfswerks, der Deutschen
Lebensrettungsgesellschaft haben über mehrere Tage und Nächte einen beispielhaften Dienst der Nächstenliebe getan.
Sie haben mehr getan,
als ihre Pflicht. Sie haben sich selbst mit ihrer ganzen Person gegeben. Sie haben sich mitmenschlich verhalten und unserem Land
Ehre gemacht.
Ich danke ihnen allen,
und jedem einzelnen von Herzen.
III.
Mitten im Leben vom Tod
umfangen waren nicht nur die Opfer, sondern fanden sich auch die Menschen dieser Landschaft um Überlingen und Owingen und
Taisersdorf, als sie nach dem ersten Schock zum Denken kamen. Das Unglück hat ganz nahe eingeschlagen und Menschen und Häuser
verschont. Die Erfahrung und Besinnung wird jedem sein Leben lang bleiben. Viele haben mitgelitten und geholfen, wo sie konnten.
Ich danke allen Mitbürgerinnen und Mitbürgern für ihre Gesinnung und ihre Hilfsbereitschaft.
IV.
Menschen mit
Lebenswillen und mit Lebensfreude erlitten in ganz jungen Jahren ihren je persönlichen Tod. Wir können mit unseren Begrenzungen
keinen Sinn darin erkennen.
Warum hat es sich für
sie dennoch gelohnt zu leben?
Weil sie Liebe erfahren
haben
und weil andere Menschen
durch sie Liebe erfahren haben.
V.
Nelly Sachs, die jüdische
Schriftstellerin und eine große Leidende, die dennoch die Kraft hatte, ihr großes Leid ins Wort und Bild und Gleichnis zu
bringen, schreibt in einem Gedicht „Fahrt ins Staublose“:
Wie leicht
wird Erde sein
nur eine Wolke
Abendliebe
wenn Sternenhaftes
schwand
mit einem Rosenkuß
aus Nichts.
Den Angehörigen bleibt
die Erinnerung an ihre Lieben. Erinnerungen aber sind Rosen im Winter.
Bei dem Dichter Ernst
Ginsberg habe ich ein Wort gefunden, von dem ich mir wünsche, dass es die so schwer Getroffenen nachsprechen können:
Ich falte
die Hände,
die lahmen,
im Geist
und bete
ins Dunkel
daß es
zerreißt.